Leserfrage: Besondere Bewertung von Fachschulzeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung?

Leserfrage: Besondere Bewertung von Fachschulzeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung?

Dies ist der erste Beitrag der Reihe “Leserfragen”.

In der Beitragsreihe “Leserfragen” werde ich in unregelmäßigen Abständen – natürlich anonymisiert – Fragen beantworten, die mir Leserinnen und Leser von rentenfuchs.info per E-Mail übersandt haben.

Solltet auch ihr eine interessante Frage haben, der ich mich im Rahmen der “Leserfrage” einmal genauer widmen soll, schreibt gerne eine E-Mail an rentenfuchs@gmx.de.

Leserin H. fragt:

“Lieber Rentenfuchs,

zu Beginn meines Erwerbslebens habe ich für drei Jahre eine Krankenpflegeschule besucht – also eine Fachschule. Während dieser Ausbildung habe ich kein Geld verdient und somit auch nicht in die Rentenversicherung eingezahlt. Ich habe nun gehört, dass Fachschulen bei der Rente anders zählen als normale Schul- und Studienzeiten.

Stimmt das?

Und wenn ja:

Wird die Zeit des Fachschulbesuchs bei der Mindestversicherungszeit von 45 Jahren mitgezählt? Es war ja eigentlich genauso eine berufliche Ausbildung wie bei denjenigen, die schon in der Ausbildung Geld bekommen haben.

Leserin H.

Fachschulzeiten sind Anrechnungszeiten

Schaut man sich die für die Rentenversicherung relevanten Zeiten genauer an, lassen sich diese grob in zwei Kategorien eingruppieren:

  1. Zeiten, in denen der Versicherte selbst oder jemand anderes – zum Beispiel der Staat oder eine Krankenkasse – Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt haben. Diese Zeiten werden als Beitragszeiten bezeichnet.
  2. Zeiten, in denen niemand in die Rentenkasse eingezahlt hat, die laut Gesetzgeber aber trotzdem in irgendeiner Form bei der Rente mitberücksichtigt werden sollen.

Unter Punkt zwei fallen unter anderem Schul- und Studienzeiten wie auch die für diesen Beitrag interessanten Zeiten des Fachschulbesuchs. Im Fachjargon werden diese Zeiten als Anrechnungszeiten bezeichnet.

Was bringen Anrechnungszeiten für die Rente?

Wir wissen bereits:

Für Anrechnungszeiten werden keine Beiträge an die Rentenkasse gezahlt. Weder Schulen noch Fachschulen und Universitäten entrichten Beiträge für ihre Schüler und Studenten.

Da der Staat aber zweifelsohne ein Interesse daran hat, dass Personen zur Schule gehen und studieren, hat er entschieden, diese Zeiten in der Rente nicht völlig außen vor zu lassen. Anrechnungszeiten bringen daher mehrere Vorteile mit sich:

Anrechnungszeiten werden bei der 35-jährigen Mindestversicherungszeit mitgezählt

Nicht jeder hat die Möglichkeit, vorzeitig mit Abzügen in Rente zu gehen. Hierzu müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden:

Um die Altersrente für langjährig Versicherte oder die Altersrente für schwerbehinderte Menschen erhalten zu können, muss man mindestens 35 Jahre aufweisen, die für die Rentenversicherung relevant sind.

Wichtig: Bei der 35-jährigen Mindestversicherungszeit werden auch Anrechnungszeiten berücksichtigt.

Schul- und Studienzeiten können also – in Summe für maximal 8 Jahre – auf die 35-jährige Mindestversicherungszeit angerechnet werden. Einen Unterschied zwischen Fachschul- und normalen Schulzeiten gibt es in diesem Zusammenhang aber nicht.

Keine Berücksichtigung bei der 45-jährigen Mindestversicherungszeit

Um vorzeitig ohne Abzüge in Rente zu gehen, muss man sogar die 45-jährige Mindestversicherungszeit erfüllen. Nur dann kann man die Altersrente für besonders langjährig Versicherte erhalten.

An dieser Stelle kann ich bereits einen Teil der Frage von Frau H. beantworten:

Bei der 45-jährigen Mindestversicherungszeit werden Anrechnungszeiten nicht mitberücksichtigt. Wird eine Fachschule besucht, liegt eine Anrechnungszeit vor. Genauso wie beim Besuch einer Schule oder einer Universität gilt:

Bei der 45-jährigen Wartezeit zählen Fachschulzeiten nicht mit.

Auswirkung von Anrechnungszeiten auf die Rentenhöhe

Den ersten Vorteil von Anrechnungszeiten haben wir uns nun angesehen:

Sie werden bei bestimmten Mindestversicherungszeiten berücksichtigt.

Doch auch bei der Rentenberechnung können Anrechnungszeiten eine Rolle spielen:

Anrechnungszeiten haben Einfluss auf eure Durchschnitts-Rentenpunkte

Grundsätzlich gilt in der Rentenversicherung das Äquivalenzprinzip:

Für eine bestimmte Menge an Rentenversicherungsbeiträgen erhalte ich auf meinem Rentenkonto eine entsprechende Menge an Rentenpunkten. Zahle ich doppelt so viel wie mein Nachbar in die Rentenkasse, erhalte ich auch doppelt so viele Rentenpunkte wie mein Nachbar.

Es gibt aber bestimmte Rentenzeiten, deren Wert nicht anhand der gezahlten Beiträge bestimmt wird – meist allein schon deshalb nicht, weil für diese Zeiten gar keine Beiträge gezahlt wurden (zum Beispiel bei Schwangerschaftszeiten).

Doch auch für einige Zeiten, für die keine Beiträge gezahlt wurden, werden Rentenpunkte berechnet: Nämlich auf der Grundlage der während des gesamten Versicherungslebens durchschnittlich gezahlten Rentenversicherungsbeiträge.

Der große Vorteil von Anrechnungszeiten liegt darin, dass diese in die Durchschnittsberechnung nicht mit 0 Rentenpunkten einfließen, sondern herausgerechnet werden.

Beispiel:

Was sich zunächst recht abstrakt anhört, lässt sich mithilfe eines Beispiels ziemlich einfach erklären:

Gregor hat ab seinem 17. Geburtstag – für die Durchschnittsberechnung ist meist der 17. Geburtstag relevant – fünf Jahre studiert und in dieser Zeit nicht in die Rentenversicherung eingezahlt. Im Anschluss hat er fünf Jahre gearbeitet und jedes Jahr 2 Rentenpunkte erworben. Nach 5 Jahren verfügt er somit exakt über 10 Rentenpunkte.

Zurechnungszeit erhält Durschnittswert

Sollte Gregor nun aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können und eine Erwerbsminderungsrente benötigen, würde er bis zu einem gesetzlich festgelegten Alter zusätzlich eine sogenannte Zurechnungszeit erhalten. Im Jahr 2020 wird die Zurechnungszeit beispielsweise bis zum 63. Lebensjahr ermittelt.

Der Wert der Zurechnungszeit bestimmt sich nach den Rentenpunkten, Gregor bis zum Eintritt der Erwerbsminderung durchschnittlich erworben hat.

Gregor hat innerhalb von 10 Jahren 10 Rentenpunkte gesammelt. Da seine 5 Jahre mit Anrechnungszeiten jedoch bei der Durchschnittsberechnung nicht mitzählen, liegt sein Jahresdurchschnitt nicht bei einem Punkt pro Jahr, sondern bei jährlich zwei Punkten (10 Rentenpunkte geteilt durch 5 Jahre).

Wert der Zurechnungszeit in Euro

Ist die Erwerbsminderung bei Gregor mit 33 Jahren eingetreten, hätte er für insgesamt 30 Jahre Anspruch auf eine Zurechnungszeit.

Bei einem Jahresdurchschnitt von einem Rentenpunkte bekäme er für diese 30 Jahre zusätzlich zu den von ihm bereits gesammelten Rentenpunkten 884 € an Rente gutgeschrieben. Liegt sein Durchschnitt hingegen bei zwei Rentenpunkten, steigt seine Erwerbsminderungsrente durch die Zurechnungszeit um mehr als 1.768 € (Stand: 1.7.2019 – 30.6.2020).

An diesem natürlich eher extremen Beispiel wird ersichtlich, wie wichtig auch Anrechnungszeiten bei der Rentenberechnung sein können. Gerade bei der Berechnung der Erwerbsminderungsrente spielen sie eine besondere Rolle.

Doch noch immer gibt es keinen Unterschied zwischen einer Schul- oder Studienzeit und der Fachschulzeit.

Dieses Rätsel soll nun gelöst werden.

Keine Rentenpunkte für Schul- und Studienzeiten

Schul- und Studienzeiten wirken sich nur indirekt auf die Rentenhöhe aus. Nämlich dadurch, dass sie bei der Durchschnittsberechnung nicht berücksichtigt werden. Sie erhöhen also den für die Bewertung bestimmter Rentenzeiten relevanten Durchschnittswert.

Für Schul- und Studienzeiten selbst werden jedoch keine Rentenpunkte berechnet.

Fachschulzeiten erhalten Rentenpunkte

Anders verhält es sich jedoch mit Fachschulzeiten:

Im Rentenrecht ist nämlich festgelegt, dass man für bis zu drei Jahre, die man eine Fachschule besucht hat, tatsächlich auch Rentenpunkte gutgeschrieben bekommt.

Wie viele Rentenpunkte erhalte ich für den Besuch einer Fachschule?

Wie viele Rentenpunkte es genau für den Besuch einer Fachschule gibt, hängt davon ab, wie viele Rentenpunkte man im Laufe seines Versichertenlebens durchschnittlich gesammelt habt. Also ganz ähnlich wie bei der oben beschriebenen Zurechnungszeit.

Mit der kleinen Einschränkung, dass der Gesetzgeber eine Obergrenze festgelegt hat:

Pro Jahr des Fachschulbesuch erhält man maximal 0,75 Rentenpunkte. Für drei Jahre macht das maximal 2,25 zusätzliche Rentenpunkte, die die monatliche Rente zurzeit (1.7.2019 – 30.6.2020) um 74 € erhöhen.

Beispiel 1:

Frau Lehmann hat vier Jahre lang eine Fachschule besucht. Aufgrund ihrer guten Ausbildung hat sie über ihr gesamtes Versicherungsleben hinweg durchschnittlich 1,5 Rentenpunkte pro Jahr gesammelt.

Für drei Jahre des Fachschulbesuchs erhält sie daher insgesamt 2,25 Rentenpunkte (3 Jahre x 0,75 Rentenpunkte), da

  1. maximal 0,75 Rentenpunkte pro Jahr gutgeschrieben werden und
  2. man lediglich für drei Jahre des Fachschulbesuchs Rentenpunkte erhält.

Das vierte Jahr, in dem Frau Lehmann eine Fachschule besucht hat, wird wie andere Schul- und Studienzeiten als normale Anrechnungszeit gewertet, für die es keine Rentenpunkte gibt.

Beispiel 2:

Holger hat 2 Jahre eine Fachschule besucht und im Anschluss nicht besonders gut verdient. Durchschnittlich hat er in seinem Versichertenleben nur 0,5 Rentenpunkte pro Jahr gesammelt.

Für die beiden Jahre des Fachschulbesuchs erhält Holger insgesamt einen Rentenpunkt (2 Jahre x 0,5 Rentenpunkte).

Eine Begrenzung auf den jährlichen Höchstbetrag von 0,75 Rentenpunkte ist nicht erforderlich, da Holgers Durchschnittswert unter 0,75 Rentenpunkten liegt.

3-Jahresmaximum gilt für das gesamte Versichertenleben

Rentenpunkte werden für maximal drei Jahre des Fachschulbesuchs ermittelt. Diese Grenze gilt für das gesamte Versichertenleben.

Es ist also egal, ob man drei Jahre am Stück eine Fachschule besucht hat oder zwei Jahre lang in seinen Zwanzigern und zwei Jahre in seinen Fünfzigern. In beiden Fällen gibt es nur für drei Jahre zusätzliche Rentenpunkte.

Keine Rolle spielt es, ob die Fachschulausbildung auch mit einem offiziellen Abschluss beendet wurde. Auch wenn man die Fachschulausbildung ohne Abschluss verlässt, erhält man zusätzliche Rentenpunkte für diese Zeit.

Zusätzliche Rentenpunkte auch bei Teilnahme an berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen

Fachschulzeiten sind übrigens nicht die einzigen Ausbildungszeiten, für die Rentenpunkte ermittelt werden.

Genauso wie bei Fachschulzeiten erhalten auch Versicherte Rentenpunkte, wenn sie an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme teilgenommen haben.

Doch Achtung: Es gilt ein übergreifendes 3-Jahresmaximum:

Beispiel:

Hat man drei Jahre lang eine Fachschule besucht und außerdem ein Jahr lang an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme teilgenommen, erhält man dennoch nur für drei Jahre zusätzliche Rentenpunkte.

Das Jahr, für das es keine Punkte gibt, zählt allerdings als Anrechnungszeit und verbessert damit die Durchschnittsberechnung.

Zusätzliche Rentenpunkte für Fachschulzeiten – keine Zusatzpunkte für Zeiten der beruflichen Ausbildung?

Das übergreifende 3-Jahresmaximum schließt noch eine weitere Zeit mit ein:

Zeiten der beruflichen Ausbildung.

Wer an einer beruflichen Ausbildung teilnimmt, erhält bereits Gehalt, meist jedoch nicht besonders viel. Der Gesetzgeber hat daher die Regelung geschaffen, dass auch für Zeiten der beruflichen Ausbildung zusätzliche Rentenpunkte gutgeschrieben werden.

Nämlich so viele, dass man für die Zeit der Ausbildung exakt auf seine während des Versicherungslebens durchschnittlich gesammelten Rentenpunkte kommt – aber begrenzt auf 0,75 Rentenpunkte pro Jahr.

Diese Besserbewertung von Ausbildungszeiten erfolgt jedoch für maximal drei Ausbildungsjahre im Leben eines Versicherten.

Hat der gleiche Versicherte bereits eine Fachschule besucht, werden für die berufliche Ausbildung nur dann zusätzliche Rentenpunkte berechnet, wenn der Versicherte die Maximalgrenze von drei Jahren mit seinen Fachschulzeiten noch nicht erreicht hat – und in dem Fall auch nur für die Monate, die noch bis zu den drei Jahren fehlen.

Beispiel:

Trude hat eine dreijährige Ausbildung absolviert und im Anschluss zwei Jahre lang eine Fachschule besucht. Während ihrer Ausbildung hat Trude nur 0,5 Rentenpunkte pro Jahr gesammelt. Betrachtet man ihr gesamtes Versichertenleben, kommt sie jedoch auf einen Durchschnittswert von 1,3 Rentenpunkten pro Jahr.

Als erstes bekommt Trude zusätzliche Rentenpunkte für die zwei Jahre Fachschule. Insgesamt werden ihr dadurch 1,5 Rentenpunkte gutgeschrieben (2 Jahre x 0,75 Rentenpunkte).

Zusätzliche Rentenpunkte für die Ausbildungszeit kann Trude nun nur noch für ein Jahr erhalten, da sie dann das gesetzliche Maximum von drei Jahren Höherbewertung erreicht.

Konkret erhält sie für das erste Ausbildungsjahr nochmal 0,25 Rentenpunkte obendrauf, da sie dann für dieses Jahr – den eigenen Beitrag und die Zusatzrentenpunkte zusammengerechnet – bei genau 0,75 Rentenpunkten landet.

In Summe erhält Trude durch die Höherbewertung also 1,75 Rentenpunkte.

Weitere Fragen?

Ich hoffe, dass ich die Frage von Frau H. mit diesem Beitrag umfassend beantworten konnte und freue mich, wenn nicht nur Frau H., sondern auch viele andere von den Informationen zur besonderen Bewertung von Fachschulzeiten profitieren.

Solltet auch ihr eine interessante Frage haben, der ich mich im Rahmen der “Leserfrage” einmal genauer widmen soll, schreibt diese gerne in den Kommentarbereich oder schickt eine E-Mail an rentenfuchs@gmx.de.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen