Blick in die Unfallversicherung

Wie berechnet sich die Höhe einer Unfallrente?

27. Februar 2018 Rentenleistungen 0
Berechnung Unfallrente

Schwerpunktmäßig findet ihr an dieser Stelle zwar Informationen zu den Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung, jedoch wollen wir an der ein oder anderen Stelle auch einmal über den Tellerrand schauen. Diesmal bewegen wir uns im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung und beantworten die Frage, wie sich die Höhe einer Unfallrente berechnet.


Wann wird eine Unfallrente gezahlt?

Unfallrenten werden immer dann geleistet, wenn ein Arbeitsunfall, ein Wegeunfall oder eine Berufskrankheit dazu geführt hat, dass man auf längere Zeit oder auf Dauer unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu leiden hat.

Unter dem Begriff „auf längere Zeit“ versteht der Gesetzgeber, dass die Erwerbsfähigkeit über die 26. Woche hinaus – also länger als ein halbes Jahr – um mindestens 20 von 100 gemindert ist.

Was meint „Minderung der Erwerbsfähigkeit“?

Bei der Einschätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) wird eine Skala von 0 bis 100 genutzt. „0“ entspricht dabei einem gesunden Versicherten. Bei einem Wert von „100“ kann der Versicherte aus objektiver Sicht keiner Erwerbsfähigkeit mehr nachgehen.

Wird der gesundheitliche Zustand eines Versicherten durch einen Versicherungsfall längerfristig beeinträchtigt, wird im Regelfall in 10er-Schritten eingeschätzt, wie groß die Beeinträchtigung im Vergleich zu einem gesunden Arbeitnehmer ist. Unerheblich ist hierbei, ob durch den Versicherungsfall auch tatsächlich Einkommenseinbußen entstehen. Es geht lediglich darum, die Minderung der Erwerbsfähigkeit selbst angemessen auszugleichen und nicht die damit möglicherweise einhergehenden Einkommenseinbußen.

Um die besser einschätzen zu können, wie die Minderung der Erwerbsfähigkeit bestimmt wird, sind nachfolgend einige Beispiele beschrieben:

Bei einem vollständigen Verluste beider Daumen wird im Regelfall von einem MdE in Höhe von 40 ausgegangen.

Mit dem Verlust eines Arms im Unterarm geht grundsätzlich ein MdE von 50 einher.

Ein Verlust beider Arme/Hände oder eines Arms sowie eines Beins bedeutet einen MdE von 100.

Zu einer Minderung der Erwerbsfähigkeit können aber nicht allein körperliche Leiden führen,sondern ebenso psychische Beeinträchtigungen.

Eine Konzentrationsstörung mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten führt meist zu einem MdE zwischen 30 und 40.

Wie berechnet sich eine Unfallrente?

Für die Berechnung einer Unfallrente sind konkret zwei Faktoren von Bedeutung:

  1. Die Minderung der Erwerbsfähigkeit und
  2. die Höhe des Verdienstes vor dem Unfall bzw. vor dem Eintritt der Berufskrankheit

 

Berechnung der Rente bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 100:

Bei einem vollständigen Verlust der Erwerbsfähigkeit, also einem MdE von 100, hat der Versicherte einen Anspruch auf die Zahlung der Vollrente, deren Höhe 2/3 des Jahresarbeitsverdienstes beträgt.

Der Jahresarbeitsverdienst:

Unter dem Begriff „Jahresarbeitsverdienst (JAV)“ versteht man das Arbeitsentgelt, welches ein versicherungspflichtiger Arbeitnehmer in den letzten zwölf Monaten vor dem Monat erhalten hat, in dem der Versicherungsfall eingetreten ist.

Beispiel:

Herr Unglück verliert aufgrund eines Arbeitsunfalls am 15.08.2017 beide Arme und hat daher Anspruch auf die Zahlung einer Vollrente durch die Unfallversicherung.

Der Zeitraum zur Berechnung des Jahresarbeitsverdienstes beginnt am 01.08.2016 und endet am 31.07.2017. Bei einem monatlichen Brutto-Arbeitsentgelt in Höhe von 3.000 € im Jahr 2016 sowie 3.500 € in 2017 ergibt sich ein JAV in Höhe von: 5 Monate x 3.000,00 EUR + 7 Monate x 3.500 EUR =
39.500 EUR.

Wurde in einzelnen Monaten im 12-Monatszeitraum kein Arbeitsentgelt erzielt, weil man z. B. unbezahlten Urlaub hatte, wird für diese Monate der durchschnittliche Verdienst der Monate mit Arbeitsentgelt berücksichtigt.

Beispiel:

Herr Unglück hatte im Januar und Februar 2017unbezahlten Urlaub. Sein Gesamteinkommen im 12-Monatszeitraum liegt somit lediglich bei 32.500 EUR. Da Herr Unglück in zwei Monaten kein Arbeitsentgelt verdient hat, ist für diese beiden Monate der Durchschnittsverdienst aus den anderen 10 Monaten zugrunde zu legen. Der Durchschnitt beträgt: 3.250 € (32.500 € / 10 Monate). Somit ergibt sich schlussendlich ein Jahresarbeitsverdienst in Höhe von: 32.500 €+ 6.500 € = 39.000 €.

Besonderheiten für Selbstständige

Sofern Selbstständige in der gesetzlichen Unfallversicherung versichert sind, ist deren Arbeitseinkommen zur Berechnung des Jahresarbeitsverdienstes heranzuziehen.

Wenn gleichzeitig eine Beschäftigung und eine selbstständige Tätigkeit ausgeübt werden, werden Arbeitsentgelt und Arbeitseinkommen sogar zusammengerechnet. Das Arbeitseinkommen aus der selbstständigen Tätigkeit wird selbst dann berücksichtigt, wenn der Verunfallte in der selbstständigen Tätigkeit nicht unfallversichert gewesen ist, den Arbeitsunfall jedoch in der abhängigen Beschäftigung erlitten hat.

Höchstbetrag Unfallrente

Der Gesetzgeber hat für die Zahlung von Unfallrenten einen Maximalbetrag festgesetzt. Der Jahresarbeitsverdienst darf höchstens das Zweifache der zum Zeitpunkt des Versicherungsfalls maßgeblichen Bezugsgröße betragen.

Die Bezugsgröße liegt aktuell bei 36.540 € in den alten und 35.700 € in den neuen Bundesländern. Das Zweifache der Bezugsgröße liegt entsprechend bei 73.080 € in den alten und 71.400 € in den neuen Bundesländern. Die maximale monatliche Rente liegt damit in Westdeutschland bei 4.060 € und in Ostdeutschland bei 3.966,67 €.

Diese Höchstgrenze kann durch die einzelnen Unfallversicherungsträger weiter angehoben werden, wenn sie dieses in ihrer Satzung explizit festlegen.

Mindestbetrag Unfallrente

Es gibt allerdings nicht nur einen Maximalbetrag für den Jahresarbeitsverdienst, sondern auch einen Mindestbetrag. Dieser liegt für alle Versicherte, die bereits 18 Jahre alt sind, bei 60 % der Bezugsgröße. 60 % der Bezugsgröße sind im Jahr 2018 in den alten Bundesländer 21.924 € und in den neuen Bundesländern 21.420 €.

Für Personen zwischen 15 und 18 Jahren liegt der Mindestjahresarbeitsverdienst bei 40 % der Bezugsgröße.

Mit diesem Wissen ausgerüstet, fällt die Berechnung der Unfallrente nicht mehr besonders schwer.

Wie oben bereits beschrieben beträgt die (Jahres-)Vollrente bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 100 2/3 des Jahresarbeitsverdienstes. Für Herrn Unglück, dessen Jahresarbeitsverdienst bei 39.500 € liegt, ergibt sich eine Jahres-Unfallrente in Höhe von 26.333,33 €. Auf den Monat heruntergerechnet erhält Herr Unglück somit 2.194,44 .

Berechnung der Unfallrente bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit geringer als 100

Für Personen, deren Minderung der Erwerbsfähigkeit geringer als 100 ist, reduziert sich die Rente entsprechend des Verhältnisses zwischen ihrer Minderung der Erwerbsfähigkeit und 100.

Geht man davon aus, dass die Minderung der Erwerbsfähigkeit von Herrn Unglück nicht bei 100, sondern nur bei 30 liegt, würde sich seine Unfallrente wie folgt berechnen:

Die Vollrente wird in Höhe von jährlich 26.333,33 € gezahlt. Hiervon erhält Herr Unglück 30 % (30/100). Die jährliche Rente liegt damit bei 7.900 € und die monatliche Unfallrente bei 658,33 €.

Erhöhung der Unfallrente in besonderen Fällen:

Die Unfallrente kann um 10 % erhöht werden, wenn alle nachfolgend genannten Punkte erfüllt sind:

  1. Die Minderung der Erwerbsfähigkeit beträgt mindestens 50 und
  2. der Versicherte kann aufgrund des Versicherungsfalls keiner Erwerbsfähigkeit mehr nachgehen und 
  3. hat keinen Anspruch auf eine Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung.

Im Falle der Arbeitslosigkeit besteht ebenfalls die Möglichkeit, die Verletztenrente zu erhöhen. Hierzu müssen die nachfolgend genannten Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Der Versicherte erhält infolge des Versicherungsfalls kein Arbeitsentgelt oder Arbeitseinkommen und
  2. die Summe aus Unfallrente und Arbeitslosengeld I bzw. Arbeitslosengeld II ist geringer als das Übergangsgeld nach § 46 Abs. 1 SGB IX.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird die Verletztenrente für maximal zwei Jahre auf die Höhe des Übergangsgeldes nach § 46 Abs. 1 SGB IX angehoben.

Wichtig für die Bezieher einer Unfallrente und Arbeitslosengeld II ist, dass die Erhöhung der Unfallrente nicht zu einer Kürzung des Arbeitslosengeld II führt. Für einen Zeitraum von längstens zwei Jahren hat der Versicherte somit monatlich den Betrag zur Verfügung, der ihm z. B. auch zustünde, wenn er an einer Umschulungsmaßnahme durch die Deutsche Rentenversicherung teilnähme.

Kann man mehrere Unfallrenten erhalten?

Ein Versicherter kann auch mehr als eine Unfallrente erhalten. Diese Möglichkeit besteht, sofern die Erwerbsfähigkeit eines Versicherten aufgrund von unterschiedlichen Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten mehrfach gemindert worden ist.

Verliert ein Versicherter beispielsweise bei einem Arbeitsunfall im Jahr 2015 alle Zehen am rechten Fuß, erhält er eine Unfallrente berechnet auf Grundlage einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20.  Bei einem Verlust des Unterarms im Jahr 2018 wird eine zweite Unfallrente mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 berechnet.

Für jeden Versicherungsfall wird in diesem Fall ein neuer Jahresarbeitsverdienst ermittelt. Sofern der Jahresarbeitsverdienst beim ersten Arbeitsunfall deutlich höher als beim zweiten war, könnte die Unfallrente aus 2015 theoretisch trotz der geringeren Minderung der Erwerbsfähigkeit höher ausfallen als die aus 2018.

Um zu verhindern, dass ein jemand mit mehreren kleineren Arbeitsunfällen besser gestellt ist, als jemand, der seine volle Erwerbsfähigkeit aufgrund eines einzelnen Arbeitsunfalls verloren hat, gibt es einen Höchstbetrag für die Zahlung mehrerer Unfallrenten.

Zusammengerechnet darf der Zahlbetrag der Unfallrenten 2/3 des ihnen zugrunde liegenden Jahresarbeitsverdienstes nicht übersteigen. Da bei mehreren Verletztenrenten meist auch unterschiedliche Jahresarbeitsverdienste berücksichtigt wurden, ist für die 2/3-Begrenzung immer der höchste JAV maßgeblich.

Anpassung der Unfallrente

Immer wenn die Renten der gesetzlichen Rentenversicherung angepasst werden, werden auch die Unfallrenten angepasst. Dieses erfolgt nicht nur zum gleichen Zeitpunkt, sondern zudem in gleicher Höhe. Die Unfallrenten werden somit jährlich zum 01.07. um den gleichen Prozentsatz angepasst, wie die Renten der gesetzlichen Rentenversicherung.

Die Anpassung erfolgt dabei über die Erhöhung des Jahresarbeitsverdienstes. Steigen die Renten beispielsweise um 2 %, wird auch der Jahresarbeitsverdienst um 2 % erhöht. Hiermit erhöht sich schlussendlich auch die Unfallrente um 2 %.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.