Mindestjahresarbeitsverdienst bei Unfallrenten neu geregelt

Mindestjahresarbeitsverdienst bei Unfallrenten neu geregelt

Wie genau eigentlich die Unfallrente der gesetzlichen Unfallversicherung berechnet wird, habe ich mir in einem meiner älteren Beiträge bereits ausführlich angesehen.

Seit der Veröffentlichung des Beitrags ist aber schon einige Zeit vergangen, in der es der es die ein oder andere Rechtsänderung gegeben hat. Eine solche Rechtsänderung betrifft den für die Berechnung der Unfallrente maßgeblichen Mindestjahresarbeitsverdienst und ist zum 1.1.2021 in Kraft getreten.

Doch bevor wir einen genaueren Blick auf die neue Regelung zum Mindestjahresarbeitsverdienst werfen, als „Auffrischung“ hier die Vorschrift zur Berechnung einer Unfallrente knapp zusammengefasst:

Berechnung Unfallrente zusammengefasst

Jahresarbeitsverdienst x Minderung der Erwerbsfähigkeit x 2/3 = jährlich zu zahlende Unfallrente

Unter dem Jahresarbeitsverdienst versteht man das Arbeitsentgelt, welches ein versicherungspflichtiger Arbeitnehmer in den letzten zwölf Monaten vor dem Monat erhalten hat, in dem der Versicherungsfall eingetreten ist.

Sollte dieses jedoch unterhalb einer gesetzlich festgelegten Schwelle oder sogar bei 0 Euro liegen, weil man zum Zeitpunkt des Arbeitsunfalls noch Schüler oder Student war, kommt der Mindestjahresarbeitsverdienst ins Spiel. Dieser ersetzt dann nämlich in der obigen Formel den tatsächlichen Jahresarbeitsverdienst.

Mindestjahresarbeitsverdienst bei Personen ab 30

Für Person, die zum Zeitpunkt des Arbeitsunfalls bereits 30 Jahre alt oder älter waren, bringt die Neuregelung zum Mindestjahresarbeitsverdienst keine großen Veränderungen mit sich:

Für Sie galt schon bisher ein Mindestjahresarbeitsverdienst in Höhe von 60 % der Bezugsgröße.

Im Jahr 2021 liegt die jährliche Bezugsgröße bei 39.480 €. 60 % hiervon sind 23.688 €. Bei allen Personen, die in den zwölf Kalendermonaten vor ihrem Arbeitsunfall weniger als 23.688 € verdient haben, wird die BG-Rente also auf der Grundlage von 23.688 € berechnet.

Über 30 und noch in Ausbildung

Für Personen, die sich mit 30 oder älter noch in Schul-, Berufs- oder Hochschulausbildung befanden und bei denen es während der Ausbildung zum Arbeitsunfall kam, gibt es eine Sonderregelung. In diesen Fällen kann der Jahresarbeitsverdienst nämlich erhöht werden:

  1.  Nämlich auf 100 % der Bezugsgröße ab dem Zeitpunkt, ab dem Schul- oder Berufsausbildung erfolgreich beendet wurde beziehungsweise sogar auf 120 %, wenn die Hochschulausbildung erfolgreich beendet wurde.
  2. Auch wenn sich die Ausbildung aufgrund des Arbeitsunfalls verzögert hat oder diese sogar ganz abgebrochen werden musste, ist eine Erhöhung des Jahresarbeitsverdienstes auf 100 % beziehungsweise 120 % möglich. Die Erhöhung erfolgt für Schul- und Berufsausbildungen drei Jahre nach dem Beginn der Ausbildung; bei Hochschulausbildungen fünf Jahre nach deren Beginn.

Beispiel:

Hierzu ein kurzes Beispiel:

Michael hat am 1. Oktober 2017 angefangen zu studieren. Zwei Jahre später hat er einen schweren Autounfall auf dem Weg zur Vorlesung. Infolgedessen erhält er eine Unfallrente.

Da er in den zwölf Kalendermonaten zuvor von seinen Ersparnissen gelebt, also kein Geld verdient hat, wird die Unfallrente anhand des Mindestjahresarbeitsverdienstes berechnet – zunächst heißt das: Auf der Grundlage von 60 % der Bezugsgröße.

Obwohl Michael sein Studium aufgrund des Arbeitsunfalls nicht beenden konnte, verändert sich die Höhe seiner Unfallrente ab Oktober 2022. Die Unfallversicherung geht nämlich davon aus, dass Michael ohne den Unfall sein Studium nach fünf Jahren erfolgreich abgeschlossen hätte. Der Jahresarbeitsverdienst erhöht sich daher ab diesem Zeitpunkt auf 120 % der Bezugsgröße. Seine Unfallrente verdoppelt sich.

Mindestjahresarbeitsverdienst bei Personen unter 30

Personen, die sich mit 30 oder älter noch in Ausbildung befinden, sind jedoch eher die Ausnahme. Anders sieht dies jedoch für jüngere Personen aus. Und für diese hat sich seit dem 1.1.2021 doch etwas mehr geändert:

Bei jüngeren Personen liegt der Mindestjahresarbeitsverdienst nämlich nicht pauschal bei 60 % der Bezugsgröße. Der Mindestarbeitsverdienst hängt davon ab, wie alt jemand war, als er den Schul- oder Arbeitsunfall hatte. Die nachfolgende Tabelle zeigt den altersabhängigen Mindestjahresarbeitsverdienst:

AlterMindestjahresarbeitsverdienst2021
Unter 6 Jahre25 % der Bezugsgröße9.870 €
6 Jahre bis unter 1533,33 % der Bezugsgröße13.160 €
15 Jahre bis unter 1840 % der Bezugsgröße15.792 €
18 Jahre bis unter 2560 % der Bezugsgröße23.688 €
25 Jahre bis unter 3075 % der Bezugsgröße29.610 €

Anpassung des Mindestjahresarbeitsverdienstes

Doch was passiert, wenn man beispielsweise mit 14 Jahren auf dem Weg zur Schule einen Unfall hat und infolgedessen dauerhaft gesundheitlich beeinträchtigt ist? Bleibt es dann für immer bei den 33,33 % der Bezugsgröße?

Tatsächlich nicht! Und hier kommt jetzt die gesetzliche Neuregelung ins Spiel. Bisher war es so, dass bis zum 30. Geburtstag – vereinfacht gesagt – regelmäßig geprüft wurde, wie viel jemand mit vergleichbarer Ausbildung/Kenntnisstand laut Tarifvertrag verdient und der Mindestjahresarbeitsverdienst entsprechend festgesetzt und angehoben wurde. Ein ziemliches aufwändiges und konfliktbehaftetes Verfahren.

Seit dem 1.1.2021 orientiert man sich bei den Anpassungen des Mindestjahresarbeitsverdienstes nun an der obigen Tabelle: Mit dem 18. Geburtstag wird der Mindestjahresarbeitsverdienst beispielsweise auf 60 % angehoben und mit dem 25. Geburtstag auf 75 % der Bezugsgröße.

Die letzte Anhebung erfolgt mit dem 30 Geburtstag. Ab diesem Zeitpunkt steigt der Mindestjahresarbeitsverdienst von Personen, die vor ihrem 30. Geburtstag einen Arbeitsunfall hatten, auf 100 % der Bezugsgröße (2021: 39.480 €) an. Sofern man die Hochschul- oder Fachhochschulreife erworben hat, erhöht sich der Mindestjahresarbeitsverdienst sogar auf 120 % der Bezugsgröße (2021: 47.376 €).

Vorzeitige Erhöhung des Mindestjahresarbeitsverdienstes

Und auch hier gibt es noch eine Besonderheit:

Der Mindestjahresarbeitsverdienst kann bereits vor dem 25. Geburtstag auf 75 % der Bezugsgröße angehoben werden – nämlich ab dem Zeitpunkt, ab dem man seine Berufsausbildung oder sein Studium beendet, wenn es während Berufsausbildung oder Studium zum Unfall kam.

Beispiel:

Bei jemandem, der während seiner Ausbildung einen Arbeitsunfall hat und die Ausbildung dann mit 21 Jahren beendet, wird die Unfallrente also bereits ab 21 auf der Grundlage von 75 % der Bezugsgröße berechnet.

Verzögert sich Ausbildung oder Studium aufgrund des Arbeitsunfalls oder muss die Ausbildung sogar abgebrochen werden, gilt wie auch für Personen über 30: 3 Jahre nach Beginn der Ausbildung beziehungsweise 5 Jahre nach Studienbeginn erfolgt “automatisch” die Anhebung auf 75 % (auf 100 % oder 120 % geht es dann im Alter von 30 Jahren).

Habt ihr noch Fragen zum Mindestjahresarbeitsverdienst und dessen Anhebung? Schreibt diese gerne in den Kommentarbereich!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Marcel

    Hallo, die Anhebung auf 120% der Bezugsgröße erfolgt wenn man Abitur oder Fachabitur erreicht hat. Werden Abschlüsse, wie Maschinenbautechniker ebenfalls anerkannt?

    Vielen Dank im Voraus!

    1. Rentenfuchs

      Ich interpretiere den § 90 SGB VII so, dass es der Hochschul- oder Fachhochschulreife bedarf. Neben dem klassischen Weg über das Abitur, lässt sich diese ja auch noch über andere Wege erwerben. Ob mit dem Abschluss als Maschinenbautechniker zwingend die Fachhochschulreife einhergeht, kann ich leider nicht genau sagen – dafür ist die Bildungslandschaft in Deutschland zu unterschiedlich.

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